Im Januar 2026 besuchten die Schüler:innen des zehnten Jahrgangs im Rahmen des Geschichtsunterrichts zum Zweiten Weltkrieg das ehemalige Kriegsgefangenenlager der Wehrmacht in Sandbostel. Bereits beim Betreten des weitläufigen Geländes wurde vielen bewusst, dass dieser Ort kein gewöhnlicher außerschulischer Lernort ist. Die heute als Gedenkstätte erhaltenen Gebäude konfrontierten die Schüler:innen unmittelbar mit der Geschichte nationalsozialistischer Gewaltverbrechen und ermöglichten eine intensive Auseinandersetzung mit dem Thema jenseits des Klassenzimmers.
Besonders eindrücklich empfanden die Schüler:innen die Besichtigung der original erhaltenen Lagerbaracken. Die schlecht isolierten Unterkünfte vermittelten ihnen anschaulich, unter welch menschenunwürdigen Bedingungen Kriegsgefangene dort auf engstem Raum leben mussten. Beim Vergleich der verschiedenen Baracken wurde für die Schüler:innen deutlich, dass die Behandlung der Gefangenen stark von ihrer Herkunft abhing. Während britische, französische und italienische Kriegsgefangene in Steinbaracken untergebracht waren, lebten sowjetische Häftlinge in einfachen Holzbaracken, die kaum Schutz vor Kälte und Nässe boten. Auch bei der Essensausgabe und den zugewiesenen Arbeitsaufgaben erkannten die Schüler:innen diese systematische Ungleichbehandlung. Besonders betroffen machte sie, dass sowjetische Kriegsgefangene geringere und minderwertige Nahrungsmittel erhielten und häufig zu besonders erniedrigenden Arbeiten, etwa der Latrinenreinigung, gezwungen wurden.
Ein weiterer Schwerpunkt des Besuchs lag auf der Rekonstruktion einzelner Häftlingsbiografien anhand originaler Registerkarten der Lagerverwaltung. Durch diese biografische Annäherung erhielten die anonymen Opfer für die Schüler:innen Namen, Lebensgeschichten und individuelle Schicksale. Dabei erfuhren sie auch von den Werkstätten und Arbeitsorten, an denen die Kriegsgefangenen zur Zwangsarbeit eingesetzt wurden. Viele Schüler:innen zeigten sich überrascht darüber, wie eng das Lager mit landwirtschaftlichen Betrieben und mittelständischen Unternehmen im Umland von Sandbostel verknüpft war und wie stark diese von der Zwangsarbeit profitierten. Diese Erkenntnisse führten zu intensiven Diskussionen über die Mitverantwortung und Mitwisserschaft der damaligen deutschen Mehrheitsgesellschaft.
Besonders bewegend war für die Schüler:innen die Auseinandersetzung mit Biografien einzelner Kriegsgefangener, die trotz der lebensbedrohlichen Umstände Formen von Widerstand entwickelten. So lernten sie von Häftlingen, die die Verbrechen im Lager heimlich mit einer eingeschmuggelten Kamera dokumentierten. Diese Fotografien beeindruckten die Schüler:innen nicht nur durch ihre Authentizität, sondern auch durch den Mut der Fotografen, den Tätern die Deutungshoheit über ihre Verbrechen zu nehmen und ihre Taten für die Nachwelt festzuhalten. Nachhaltig wirkte auf viele Schüler:innen auch die Erkenntnis, dass Kriegsgefangene nicht nur in Sandbostel, sondern auch in ihren eigenen Heimatorten wie Osterholz-Scharmbeck, Pennigbüttel, Hambergen oder Garlstedt zur Zwangsarbeit eingesetzt wurden und dort teilweise ums Leben kamen. Dadurch rückte die Geschichte des Nationalsozialismus für die Schüler:innen spürbar näher an ihre eigene Lebenswelt heran. Der Besuch der Gedenkstätte sensibilisierte sie für die Bedeutung von Erinnerungskultur und stärkte ihr Bewusstsein für die eigene Verantwortung, sich heute aktiv gegen Rassismus, Fremdenfeindlichkeit und Ausgrenzung einzusetzen.
(KLR & MGL)

